District
Kunst- und Kulturförderung

Kathleen Cleaver spricht an der Frankfurter Universität_Foto_ Barbara Klemm.png

 

Decolonizing 68
OPEN CALL
: Atelierstipendium
Bewerbungsschluss: 13.12.2017

 

Das halbjährlich vergebene District-Atelierstipendium 2018, I (Februar bis Juli 2018) wird projektbezogen ausgeschrieben: Wir suchen Künstler*innen oder Künstler*innenkollektive, die sich aus dekolonialen und feministischen Perspektiven mit der Student*innenbewegung im Deutschland der 60er Jahre beschäftigen wollen. Dabei steht die Sichtbarmachung der Rolle Schwarzer Student*innen und von Student*innen of Color in der damaligen Bundesrepublik im Fokus sowie die Dekonstruktion der weißen Narration dieses für die heutige Bundesrepublik so konstitutiven Moments.

Wenn sich 2018 das Jahr 1968 zum fünfzigsten Mal jährt, möchten wir dies zum Anlass nehmen, um die Produktion von Geschichte zu hinterfragen und die Bewegungen jener Zeit aus den Perspektiven ihrer anti-kolonialen, diasporischen, feministischen und Schwarzen Organisierungen (neu) zu erzählen. Der anhaltenden Marginalisierung dieser Geschichte(n) und ihrer sich bis heute fortschreibenden Widerstände und politischen Forderungen in den stetig reproduzierten Erzählungen von ‚68’ möchte der intersektionale Zusammenschluss des Projekts „Kunst der Revolte. Revolte der Kunst“ im Studierendenhaus Frankfurt und der Kunsträume District Berlin, Arsenal Gallery Poznan und alpha nova & galerie futura mit der Ko-Produktion künstlerischer Forschung und öffentlicher Auseinandersetzung unter dem Arbeitstitel „Decolonizing 68“ aktiv begegnen. 

Kolonialismus und Neokolonialismus, internationale Solidarität, Antirassismus, Migration, Flucht und Asyl waren in den 1960er Jahren prägende Themen. Schwarze deutsche und PoC Student*innen, sowie Student*innen aus Afrika, Asien und Lateinamerika, die in den frühen 1960er Jahren an Westdeutschen Universitäten studierten und durch die Bürgerrechtsbewegung in den USA, die Befreiungsbewegungen, die Prozesse der Dekolonialisierung oder die gerade erlangte staatliche Unabhängigkeit ihrer Länder stark politisiert waren, waren die ersten, die zu Protesten gegen staatliche Gewalt und Ungerechtigkeit jenseits von Europa und Nordamerika mobilisierten. Organisiert in Student*innenverbänden und Gruppen wie dem Afrikanischen Studentenbund, diskutierten sie in Arbeitskreisen und im SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund), weckten politisches Problembewusstsein für strukturelle Rassismen, einseitige Berichterstattung ebenso wie für die Fortschreibung kolonialer Machtverhältnisse im globalen Süden und fungierten als Multiplikator*innen länderspezifischer Solidaritäten in der BRD. Von ihnen wurden Inhalte und Formen der Protest- und Widerstandsbewegungen in der BRD in deren Entstehungsphase entscheidend geprägt. Sie lieferten Informationen, forderten zum Protest auf und demonstrierten entschlossen und offensiv gegen Kolonialismus, Neokolonialismus und Rassismus. Entsprechende Aktionen und Kampagnen, wie die Demonstrationen gegen den Besuch des kongolesischen Ministerpräsidenten Moise Tschombé (1964), den Protest gegen den Film Afrika Addio (1966) oder gegen die Friedenspreisverleihung an den senegalesischen Präsidenten und Dichter Léopold Senghor (1968), wurden etwa durch den Afrikanischen, Latein-Amerikanischen Studentenbund oder Aktivist*innen wie Adekunle Ajala (damals Vorsitzender des Afrikanischen Studentenbundes) (mit)initiiert und waren eine praktische wie auch medienwirksame Kritik an staatlicher Politik. Die Rolle der internationalen, diasporischen und deutschen Schwarzen und PoC-Studierenden in der transnationalen und intersektionalen Verknüpfung der politischen Bewegungen der 1960er Jahre könnte gerade für heute wichtige Ein- und Ausblick eröffnen. 

Auf der Suche nach solchen, in der dominanten Geschichtsschreibung oft nicht mehr sichtbaren und vergessenen widerständigen Praktiken, Formen der Handlungsfähigkeit und Selbstermächtigung richtet sich die Ausschreibung an Künstler*innen, die ein Projektvorhaben zu diesem Themenkomplex realisieren möchten. Innerhalb des Projektvorhabens sollen zwei künstlerische Formate entwickelt werden, wovon Format I (z.B. Workshop, Gespräch, Performance) als Teil der Projekte „Kunst der Revolte. Revolte der Kunst“ im Offenen Haus der Kulturen in Frankfurt/Main und „Workshops of Revolution“ in der Arsenal Gallery Poznan sowie bei District in Berlin realisiert werden soll und den Prozess der Recherche öffnen und sichtbar machen kann. Format II soll gegen Ende des Atelierstipendiums in Kooperation mit der alpha nova & galerie futura in Berlin realisiert werden und die Ergebnisse der Forschung vorstellen. (Im Rahmen des Projekts in Frankfurt kann der/den künftigen Stipendiat*in/nen eine Materialsammlung zu damaligen Diskursen über (Neo)kolonialismus, Anti/Rassismus und Internationaler Solidarität in studentischen Initiativen zur Verfügung gestellt werden, die für die Realisierung des Projektvorhabens genutzt werden kann.)

 

Das Atelierstipendium richtet sich an weiblich identifizierte, nicht binäre und Trans*-Künstler*innen und ist Bestandteil unseres Engagements in den Aufbau einer solidarischen künstlerischen Community. Entsprechend bietet das Atelierstipendium durch die transdisziplinären Studiogespräche und die Einbeziehung der Stipendiat*innen in das laufende Programm ein öffentliches Forum für die Reflektion, Weiterentwicklung und Vernetzung der Praxis von Künstler*innen.

Das von einer diversen Jury vergebene Stipendium beinhaltet die kostenfreie Nutzung des als ‚Satellit’ bezeichneten 15 qm großen Ateliers (als Arbeitsort) im District-Gebäude auf der Malzfabrik von 1. Februar bis 31. Juli 2018 sowie ein Budget von 3.500 Euro, geteilt in 2.000 Euro Honorar- und 1.500 Euro Produktionsmittel. Darüber hinaus erhält die Künstler*in oder das Künstler*innenkollektiv Unterstützung vom District-Team in Form kuratorischer Begleitung sowie organisatorischer Umsetzung und Kommunikation des Projekts. Die Kosten für Anreise und Unterkunft in Frankfurt und Poznan werden von den dortigen Projektpartner*innen getragen. Die Kosten für Anreise und Unterkunft in Berlin können leider nicht übernommen werden. 

Seit 2009 realisiert District ein vielseitiges Programm mit dem Ziel, langfristige Dialoge zwischen künstlerischen, kuratorischen, wissenschaftlichen und edukativen Arbeitsweisen zu schaffen. Mit Fokus auf die Verortung von künstlerischer Praxis im Stadtraum entwickelt District kollaborative und rechercheorientierte Formate für Kunst in erweiterten Wirkungsfeldern. Verschiedene Formen der Nachbarschaft, der Entgrenzung und emanzipatorische Momente des Freundschaftlichen bilden dabei Anlässe, um die Gegenwart mit den Mitteln der Kunst für unterschiedliche Perspektiven und Formen des Wissens zu öffnen. Geprägt von feministischen, queeren und dekolonialen Ansätzen erkundet District das Kuratorische als performative wie analytische Praxis und erprobt neue Formen von Gemeinschaft.

 

Bewerbung
Zur Bewerbung eingeladen sind Ideen und Projekte, die sich in Form von künstlerischen Gesten – zum Beispiel Kartographierungen, Performances, Gesprächsreihen, Interventionen, Workshops, Präsentationen oder Publikationen – manifestieren. 

 

Realisierungszeitraum
Februar 2018: Artist Talk bei District Berlin
April – Mai 2018: Format I bei Offenes Haus der Kulturen Frankfurt/Main, Arsenal Gallery Poznan und District
Juli 2018: Format II bei District in Kooperation mit alpha nova & galerie futura

 

Bewerbungsmaterial
- Projektvorhaben und Motivationsschreiben (max. 5 Seiten) 
CV (mit vollständigen Kontaktdaten, Angaben zu Ausbildung und Überblick über die bisherige künstlerische Laufbahn)
- Portfolio (sollte 5 MB nicht überschreiten und ggf. maximal zwei Video-Links)
Kostenplan

Bewerbungen sind in deutscher und englischer Sprache per E-Mail möglich.

Bitte sendet Eure Bewerbungsunterlagen innerhalb der Bewerbungsfrist bis Freitag, 13. Dezember 2017 an Andrea Caroline Keppler, Kuratorin Studio Grant-Programm: studiogrant@district-berlin.com

 

Verfahren
Die Atelierstipendiat*in wird von einer diversen Expert*innenjury ausgewählt. Die Jurymitglieder sind:

Silvy Chakkalakal (Juniorprofessorin Europäische Ethnologie / kulturantrophologische Geschlechterforschung HU Berlin)
Katharina Oguntoye (Autorin, Historikerin, Aktivistin und Dichterin)
Shanti Suki Osman (Musikerin, Wissenschaftlerin und Pädagogin, District-Atelierstipendiatin 2017, II)
Suza Husse (Künstlerische Leiterin District)
Andrea C. Keppler (Kuratorin District Studio Grant-Programm, Ko-Kuratorin Kunst der Revolte // Revolte der Kunst, Studierendenhaus Frankfurt)

Die Bekanntgabe der Nominierung erfolgt am 22. Dezember 2017.

 

Kontakt
Andrea Caroline Keppler
ak@district-berlin.com
+49 (0)177 1418734

 

Bild: Kathleen Cleaver spricht an der Universität Frankfurt/Main, 1971. Foto: Barbara Klemm.