District
Kunst- und Kulturförderung

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When The Sea Looks Back, Ausstellungsansicht mit The Many Headed Hydra "Oracle Flags" (2017) und Virgilijus Sonta "Black Hill" (1985), Nida Art Colony 2017, Photo: Emma Haugh

WHEN THE SEA LOOKS BACK. A Serpent’s Tale

The Many Headed Hydra #02

Ausstellung, Radio-Magazin, Zusammenkünfte

16 Jul 2017 - 27 Aug 2017

in der Nida Art Colony of Vilnius Academy of Arts (LIT)

Ausstellung
16. Juli – 27. August 2017
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 12 bis 20 Uhr
 
Nida Art Colony of Vilnius Academy of Arts
E.A. Jonušo g. 3, Nida, Neringa

 

The Many Headed Hydra ist ein Kollektiv von wandelbarer Gestalt, das sich für Mythen, Handlungsformen und fluide Geographien interessiert, die von Gewässern ausgehen. Als queeres, feministisches und post-koloniales Kunstprojekt wurde es von der Künstlerin Emma Haugh und der Kuratorin Suza Husse 2016 im Kunstraum District Berlin ins Leben gerufen. In Zusammenarbeit mit Bewohner*innen verschiedener Inseln, Halbinseln und Kontinente erprobt The Many Headed Hydra das Potential von Erzählweisen für die Verschränkung forschender, künstlerischer und publizierender Praxis. Dabei taucht die Hydra an verschiedenen Orten in Form von entgrenzten Magazinen auf, die ebenso Ausstellungen wie Performances, Zusammenkünfte, Radiosendungen oder Orakelbeschwörungen sein können. 

WHEN THE SEA LOOKS BACK (A Serpent’s Tale) vom 16. Juli bis 27. August in der VAA Nida Art Colony in Nida und im Herbst 2017 bei District Berlin ist das zweite Projekt des Berliner Kollektivs. Als polyphones Orakel kombiniert WHEN THE SEA LOOKS BACK eine Ausstellung, eine Reihe von Zusammenkünften und Ereignissen, sowie ein Radiomagazin. Das Meer wird darin als Spiegel befragt und die mythische Schlange als trickreiche Begleiterin engagiert, um aus den Verstrickungen von Landschaft, Körper und Macht neue Erzählungen herzustellen. ‚Meeresspiegel’ ist ein Begriff, an dem sich andere Dimensionen von Zeit und Raum auftun. Wenn die See zurück schaut, kontert sie nicht nur den Blick, der an ihrer Oberfläche seinen Horizont sucht. Sie eröffnet auch eine Zeitlichkeit, die sich der Linearität und Staffelung der herrschenden menschlichen Zeitrechnung widersetzt.

WHEN THE SEA LOOKS BACK (A Serpent’s Tale) behilft sich den Orakeln der Kunst, um mit dem Meer zurück zu blicken. Sie fabulieren eine Verbundenheit der Wüstenlandschaften des Südens und des Nordens – des ausgetrockneten Aralsees und der ‚Toten’ Dünen der Kurischen Nehrung – jenseits der Nachbeben einer kolonialen ökologischen Moderne. Sie flüstern von Fischern aus Kasachstan und anderen Regionen der Sowjetunion, die in der Nachkriegszeit auf die Kurische Nehrung umgesiedelt wurden, um hier in den Fischereien oder beim Militär zu arbeiten. Sie erzählen von Mensch-Tier-Verwandlungen, von Diaspora und von Grenzkulturen und behelfen sich dabei des litauischen Volksmärchens Eglė, die Königin der Nattern

„Gebt mir das Meer zurück“ ruft das Kamel in Almagul Menlibayevas Videoarbeit Transoxiana Dreams. Das Kamel gehört zu den Bewohner*innen eines Fischerdorfes, welches einst am Ufer des Aralsees lag. In ihren Träumen vollzieht die Tochter eines Fischers die Reise ihres Vaters durch Wüste und Steppe zu den entlegenen Gewässern des Aralsees nach. Dabei begegnet sie vierbeinigen Frauen, die sich in Füchse verwandeln und hungrig die rostigen Schiffsrümpfe auf jener sandigen Ebene verschlingen, die einst am Grund des Sees lag. 

Mit dem Meer auf die Halbinsel der Kurischen Nehrung zurück zu blicken, ist eine Übung in historischer Vorstellungskraft: Ein Wald wird zu einer Düne während aus seinem Holz Schiffe gebaut werden, die unter imperialer Flagge den Atlantik befahren. Die hier seit den ersten Großrodungen im 16. Jahrhundert anhaltende Spannung zwischen Wanderdünen und Wald ist eine lebendige Spur geschichtlicher Verstrickungen: die preußisch-deutsche Expansion kolonialen Seehandels, die touristischen und kulturellen Ökonomien der Halbinsel mit ihren exotisierten ‚Toten’ Dünen und Fischerdörfern, die Wiederaufforstung der Dünen über mehrere Generationen von Arbeiterinnen hinweg während Meer und Landzunge Grenzgebiet blieben, auf das über zwei Jahrhunderte vier verschiedenen Nationen ihren Anspruch erhoben.

Im Spiel mit Phantasie und Erinnerung mäandern die Beiträge von WHEN THE SEA LOOKS BACK (A Serpent’s Tale) entlang vergangener, zukünftiger und gegenwärtiger Uferlinien. Mit einem vielköpfigen Programm schwappt die Hydra aus dem Ausstellungsraum heraus und in die umliegenden Landschaften. Dünentänze, Kompost-Pokerrunden, Cyborg-Orakel, luzide Träume und eine App für Wanderungen zwischen Lagune und Meer eröffnen dabei doppelzüngige Erzählungen post-imperialer Subjekte und Ökologien.

 

Mit Beiträgen von Bryndis Björnsdottír, Cooltūristės, Ieva Epnere, Daniel Falb, Sonja Gerdes, Ulrike Gerhardt, Golden Diskó Ship, Emma Haugh, Suza Husse, Almagul Menlibayeva, Sondra Perry, Virgilijus Šonta, Elsa Westreicher

 

Ereignisse und Zusammenkünfte in der Nida Art Colony of Vilnius Academy of Arts (LIT)

16. Juli 
12 .00 – 13.30 
Mis(s)appropriation. Eglė Königin der Nattern, Performativer Spaziergang mit virtuellen Elementen von Cooltūristės. Treffpunkt: VAA Nida Art Colony, am Eingang der Ausstellung. 
18.00 – 20.00 VAA Nida Art Colony (E.A. Jonušo g. 3) 
Eröffnung der Ausstellung
Einführung von The Many Headed Hydra / Emma Haugh und Suza Husse
Lesung von Daniel Falb aus seinem Langgedicht Chicxulub Paem und Gespräch mit dem Autor 

26. August 
 17.30 – 19.00
When the Sea Looks Back (A Serpent’s Tale)
Radiomagazin von Golden Diskó Ship und The Many Headed Hydra
Liveübertragung in der Ausstellung und neringa.fm
19.00 – 20.30 
Landráð II: Unearthing
Performance von Bryndís Björnsdóttir​
Treffpunkt: Nida Art Colony, am Eingang der Ausstellung 

 

Resurfacing bei District 
Nach der Realisierung in der VAA Nida Art Colony taucht The Many Headed Hydra: WHEN THE SEA LOOKS BACK (A Serpent’s Tale) ab 19. Oktober 2017 bei District Berlin auf.

 

Ein Projekt der Nida Art Colony of Vilnius Academy of Arts und District Berlin. Unterstützt durch den Lithuanian Council for Culture und das Litauische Kulturministerium, das Goethe-Institut Litauen, den Arts Council of Ireland und das Nordic-Baltic Mobility Programme.